
Sehr geehrter Präsident Trump,
am Vorabend Ihres bevorstehenden Treffens mit Wladimir Putin wenden wir, die Unterzeichnenden — Friedensnobelpreisträger:innen, Menschenrechts- und Pressefreiheitsverteidiger:innen, ehemalige politische Gefangene sowie Familien derjenigen, die sich weiterhin in Haft und Gefangenschaft befinden —, uns an Sie mit der Bitte, entschlossenes humanitäres Handeln zu ergreifen, das Tausende von Leben retten könnte.
Die Russische Föderation hält weiterhin Zehntausende ukrainische Zivilist:innen und Kriegsgefangene fest. Zehntausende weitere gelten als vermisst und sind Opfer von Verschwindenlassen. Tausende russische politische Gefangene, die wegen ihrer Antikriegshaltung und ihres Handelns ihrer Freiheit beraubt wurden, sitzen nach wie vor hinter Gittern.
Die Bedingungen in den von Russland kontrollierten Haftanstalten sind menschenunwürdig: Zivile Inhaftierte und Kriegsgefangene, Männer wie Frauen, werden gefoltert — unter anderem bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen, gezwungen, bis zu 16 Stunden am Tag bewegungslos zu stehen, Elektroschocks ausgesetzt (auch an den Genitalien), vergewaltigt und ohne medizinische Versorgung gelassen, selbst wenn sie schwer erkrankt sind. Einige sind bereits in Gefangenschaft gestorben. Dies sind keine Einzelfälle, sondern Folter ist eine systematische Praxis. Es besteht Grund zu der Befürchtung, dass die meisten ohne dringendes Eingreifen das Ende dieses Krieges nicht überleben werden.
Alle rechtswidrig inhaftierten Zivilist:innen müssen unverzüglich freigelassen werden. Zu den schutzbedürftigsten Gruppen unter den ukrainischen Zivilist:innen und Kriegsgefangenen, deren Freilassung keinen Aufschub duldet, zählen:
- Frauen, die dem Risiko sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind
- Personen mit Behinderungen und schweren Erkrankungen oder solche, die schwer verwundet wurden, auch durch Folter
- ältere Inhaftierte mit Vorerkrankungen
- Zivilist:innen, die bereits Jahre vor der Großinvasion aus politischen Gründen inhaftiert wurden.
Sehr geehrter Herr Präsident, Sie rufen zu einem Waffenstillstand auf, um Zehntausende Leben zu retten, um zu verhindern, dass Zivilist:innen an den Fronten und in friedlichen ukrainischen Städten sterben. In gleicher Weise können Sie die Freilassung von Menschen einfordern, um Zehntausende Leben zu retten und zu verhindern, dass sie in Haft — ohne Kontakt zur Außenwelt, in Russlands finstersten Zellen — sterben: indem Sie die Freilassung ukrainischer Zivilist:innen voranbringen, beginnend mit den schutzbedürftigsten Gruppen. Ihre fortgesetzte Inhaftierung kommt einer Geiselnahme gleich. Sie können die Repatriierung schwerkranker Kriegsgefangener fordern und sicherstellen, dass ein Austausch „Alle gegen Alle“ aller Kriegsgefangenen auf beiden Seiten — einschließlich der rechtswidrig Verurteilten — mit dem Ende der Kampfhandlungen erreicht werden kann. Auch russische politische Gefangene, die wegen ihrer Antikriegsäußerungen und -handlungen inhaftiert sind, sollten freigelassen werden.
Eine solche Leistung würde nicht nur Leben retten, sondern auch als historischer Akt staatsmännischen Handelns in die Geschichte eingehen, der Ihnen tiefe Dankbarkeit Tausender Familien und die Bewunderung gewissenhafter Menschen rund um den Globus einbringen würde. Sie wäre der Beweis dafür, dass selbst in den dunkelsten Momenten entschlossene Führung und moralischer Mut das Schicksal Tausender Leben wenden können.
Wir sind bereit, Ihrem Team unterstützende Dokumentation und unmittelbare Zeugenaussagen von Überlebenden zur Verfügung zu stellen. Unsere Friedensnobelpreisträger — das Zentrum für bürgerliche Freiheiten und die Gesellschaft Memorial International — stehen bereit, Ihre Bemühungen zur Rettung der Leben der Gefangenen dieses Krieges in jeder möglichen Weise zu unterstützen.
Freie Menschen zuerst.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
Oleksandra Matwijtschuk, Vorsitzende des Zentrums für bürgerliche Freiheiten (Ukraine), Friedensnobelpreisträgerin 2022

Oleg Orlow, Vorsitzender des Menschenrechtsschutzzentrums Memorial (Russland), Friedensnobelpreisträger 2022

Und 73 Organisationen der Initiative People1st — People First