
Offener Brief der Kampagne People First an Jared Kushner und Steve Witkoff
16. September 2026
Sehr geehrter Herr Kushner, sehr geehrter Herr Witkoff,
Ihre jüngste Teilnahme an den Gesprächen über den Krieg Russlands gegen die Ukraine und über mögliche Schritte zu seiner Beilegung ist Anlass für uns, Ihnen zu schreiben.
Da die diplomatischen Gespräche nun wieder aufgenommen werden, fordern wir nachdrücklich, von Anfang an die Rechte und den Schutz der Personen miteinzubeziehen, die im Zuge des Krieges und damit zusammenhängender Repressionen inhaftiert, verschleppt, deportiert oder auf andere Weise von ihren Familien getrennt wurden.
People First ist eine Koalition von 93 ukrainischen, russischen, belarussischen und internationalen Menschenrechtsorganisationen, die sich für die Freilassung, die Rückkehr und den Schutz der Menschen einsetzen, die im Zuge des Konflikts Haft und Verfolgungen ausgesetzt sind.
Häufig wird angenommen, dass auf einen Waffenstillstand oder ein förmliches Friedensabkommen automatisch die Freilassung oder der Austausch aller Personen folgen würde, denen im Zusammenhang mit dem Krieg die Freiheit entzogen wurde. Davon ist jedoch nicht ohne Weiteres auszugehen. Werden diese Fragen nicht von Beginn der Verhandlungen an ausdrücklich einbezogen, besteht die ernste Gefahr, dass Menschen, die sich in Haft befinden oder auf andere Weise an ihrer Rückkehr nach Hause gehindert werden, selbst dann in einem Zustand der Ungewissheit verbleiben, wenn bereits andere Absprachen erreicht wurden.
Zehntausende Menschen sind weiterhin ihrer Freiheit beraubt oder von ihren Familien getrennt, darunter Kriegsgefangene, ukrainische Zivilpersonen, die in Russland und in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine rechtswidrig festgehalten werden, ukrainische Kinder, die zwangsweise nach Russland oder in von Russland besetzte Gebiete verschleppt oder deportiert wurden, sowie russische und belarussische politische Gefangene, die wegen ihrer Positionierung gegen den Krieg strafrechtlich verfolgt wurden.
Viele ukrainische Kriegsgefangene und zivile Inhaftierte wurden in russischem Gewahrsam Folter und Misshandlung ausgesetzt. Angemessene medizinische Versorgung und der Kontakt zu ihren Familien wurden ihnen versagt, und in einigen Fällen wurden sie nach unfairen und nicht rechtsstaatlichen Prozessen zu langen Haftstrafen verurteilt.
Besondere Aufmerksamkeit sollte Menschen zuteil werden, die in Haft erhöhten Risiken ausgesetzt sind oder sich in einer besonders dringlichen humanitären Lage befinden, darunter Menschen mit schweren Erkrankungen oder Behinderungen, Frauen, Kinder, älteren Menschen sowie Personen, die bereits lange Zeit in Gefangenschaft verbracht haben. Sie dürfen im Friedensprozess nicht vernachlässigt werden. Ihre Lage sollte in den diplomatischen Gesprächen vorrangig behandelt werden, statt bis zu einer endgültigen politischen Regelung aufgeschoben zu werden.
Wir fordern die Vereinigten Staaten daher nachdrücklich auf, die Freilassung, die Rückkehr, den Schutz und die menschliche Behandlung dieser Menschen in allen Verhandlungen mit Russland auf die Tagesordnung zu setzen.
Dazu sollten konkrete humanitäre Maßnahmen mit folgender Zielsetzung gehören:
- die vorrangige Vereinbarung über die Freilassung und Rückkehr von Personen in besonders dringlicher humanitärer Lage, darunter von Menschen mit schweren Erkrankungen oder Behinderungen, Frauen, Kinder, ältere Menschen sowie diejenigen, die bereits lange Zeit in Gefangenschaft verbracht haben;
- die beschleunigte Freilassung und der Austausch von Kriegsgefangenen unter vollständiger Einhaltung der Bestimmungen des humanitären Völkerrechts über ihre Behandlung und Repatriierung;
- die Freilassung und Rückkehr ukrainischer Zivilpersonen, die in den besetzten Gebieten der Ukraine und in Russland rechtswidrig festgehalten werden;
- die Sicherstellung der Rückkehr ukrainischer Kinder, die rechtswidrig nach Russland oder in von Russland besetzte Gebiete deportiert oder verschleppt wurden, zu ihren Familien und Gemeinschaften;
- der nachdrückliche Einsatz für die Freilassung russischer und belarussischer politischer Gefangener, die wegen ihrer Opposition gegen den Krieg inhaftiert sind;
- die Gewährleistung eines unverzüglichen Zugangs zu angemessener medizinischer Versorgung sowie des Schutzes vor Folter und Misshandlung für alle, die weiterhin inhaftiert sind; und
- die Wiederherstellung und Gewährleistung eines regelmäßigen Kontakts zwischen Inhaftierten und ihren Familien.
Jeder diplomatische Prozess im Zusammenhang mit dem Krieg wird sich zwangsläufig mit zentralen Sicherheitsfragen und politischen Regelungen befassen. Er sollte sich jedoch vorrangig den unmittelbaren Rechten und Schutzbedürfnissen der Menschen widmen, deren Freiheit, Sicherheit und Familienleben durch den Krieg und die damit verbundenen Repressionen schwerwiegend beeinträchtigt wurden.
Ihre Mitwirkung an diesen Gesprächen bietet die Gelegenheit, sicherzustellen, dass diese humanitären und menschenrechtlichen Fragen von Anfang an einbezogen werden.
Wir sind überzeugt, dass Sie eine wichtige Rolle dabei spielen können, die Freilassung und den Schutz von Menschen zu einer konkreten humanitären Priorität im diplomatischen Prozess zu machen.
Zuerst die Menschen.
Hochachtungsvoll,
Oleksandra Matwijtschuk, Vorsitzende des Zentrums für bürgerliche Freiheiten (Ukraine), Friedensnobelpreisträgerin 2022;

Ales Bialiatski, Vorsitzender des Menschenrechtszentrums „Viasna“ (Belarus), Friedensnobelpreisträger 2022;
Oleg Orlow, Vorsitzender des Menschenrechtsschutzzentrums Memorial (Russland), Friedensnobelpreisträger 2022;

Und 93 Organisationen der Initiative People First.